Leseprobe aus »Der Sonnenstern« ­ Buch 3, Kapitel 1, »Alte Freunde«

Die Karawanenstraße nach Ütock war lange schon verlassen, seit die Ponas in den nördlichen Wäldern herrschten. Sie war zu einem schlechten Pfad verkommen, überwachsen von Gras und Büschen und oft versperrt von gefallenen Bäumen. Rah kümmerte sich nicht darum. Wie so oft im vergangenen Jahr, als er ziellos durch die Wälder gestreift war, ließ er sein Pferd gehen, wohin es wollte. Wie eine Erlösung schien es ihm, wieder alleine zu sein in der Einsamkeit des Waldes. Es war, als sei er aus einem Alptraum erwacht. Doch die Erinnerung an die Reise in die Gebirge zog wie ein Spuk durch seinen Kopf. Erst jetzt stiegen die wirren Bilder in ihm auf, jetzt, da die Glocke des Schweigens zerbrochen war und die Angst der Soldaten, der Hass Hem-Las und die Zerknirschung über den unwürdigen Frondienst für einen Kaufmann nicht mehr an ihm hingen. Rah vermochte frei zu atmen, schien einen Augenblick glücklich über die wiedererlangte Ungebundenheit, doch dann schnürten diese Bilder, die sich unauslöschlich in seine Erinnerung gebrannt, von neuem sein Herz zusammen.
Er dachte an Aelan, spürte, dass der Schmerz um den Verlust dieses Menschen, den er kaum gekannt, doch der seinem Herzen nahe schien wie ein Bruder, von nicht auszulotender Tiefe war. Er sah das Gesicht des Handan vor sich, seine dunklen Augen, und es schien in diesem Moment, als wären sie ihm seit Anbeginn der Zeit vertraut, als hätte er sie schon tausendmal verloren und tausendmal wiedergefunden im endlosen Strom des Lebens. Wie eine Klinge schnitt dieser Schmerz durch sein Inneres. Es war, als spalte er einen Vorhang in zwei Teile, der sich über einen schwarzen Abgrund spannte. Eine sternlose Nacht wölbte sich dort, durchzuckt von Blitzen, die Bilder aus der Dunkelheit lösten, Bruchstücke eines gewaltigen Mosaiks, dessen Gesamtheit Rah nicht zu überschauen vermochte. Zusammenhanglose Bildfetzen flogen an seinem inneren Auge vorbei. Er sah Krieger mit silbernen Dreiecken auf der Stirn. Er sah, im Niederfallen, wirbelnd um seinen Kopf, den wie Schnee schimmernden Marmor eines Tempels. Er sah Schwerter auf sich herabzucken, blitzend im Licht, und zwischen ihnen, in einem innig vertrauten Gesicht, das sich spannte zu einem ohnmächtigen Schrei des Entsetzens, sah er die Augen des Handan. Er klammerte sich an sie in bitterer Verzweiflung, sank in sie hinein in diesem Augenblick des Sterbens und verlor sie dann, als die Nacht des Todes über ihm zusammenschlug. Rah war gebannt von diesen Bildsplittern. Er strengte sich an, die innere Nacht weiter zu durchdringen, doch die Bilder flohen vor seiner drängenden Neugierde. Stattdessen stieg die Erinnerung an den Alten im Brüllenden Schwarz in ihm auf, die zu Stein erstarrte Erscheinung, die ihm Angst und Neugierde zur gleichen Zeit eingeflößt. Als er das Brüllende Schwarz zum ersten Mal erblickt hatte, den kreisförmigen Talkessel, den Wasserfall und die steinerne, schwarze Nadel inmitten der tosenden Gischt, hatte er für einen Augenblick geglaubt, diesen verborgenen Ort zu kennen. Rah verlor sich im Strom der Gedanken. Der Wunsch regte sich in ihm, in die Gebirge zurückzureiten, um in das Tal vorzudringen, nach dem Alten zu suchen und nach den letzten Spuren von Aelan. Vielleicht war er nicht tot. Vielleicht hatte ihn die Magie der Berge auferweckt von den Toten. Rah sah den Handan noch einmal fallen, sah den Pfeil in den Rücken dringen und sah das in Hass und Triumph verzerrte Gesicht des Gurena, das sich jäh zu namenlosem Entsetzen wandelte, als die Klinge der Seph auf ihn herabfuhr. Resignation breitete sich aus in Rah. Niemand vermochte einen solchen Schuss zu überleben.
Der Gurena aus Kurteva zog seine Ne-Flöte hervor und begann zu spielen. Trauer schwang in den Tönen der Ne, die zwischen den Bäumen widerhallten. Es war Rah gleichgültig in diesem Augenblick, ob er mit ihnen die wilden Tiere anlockte oder die Räuber, die Hem-La zu seinem Verderben herbeigewünscht.
»Warum so traurig, junger Krieger?«, sagte plötzlich eine krächzende Stimme.
Rah fuhr herum und ließ das Schwert der Seph aus der Scheide fahren. Blitzschnell war diese Bewegung, die Rah kampfbereit machte, und doch wurde ihm schmerzlich bewusst, dass das Ka ihn verlassen hatte, denn er hatte die Gegenwart eines Fremden an seinem Weg nicht erspürt. Ein Pfeil aus dem Hinterhalt hätte ihn erlegt wie ein wehrloses Tier.
Aus dem dichten Unterholz neben dem Saumpfad ragte der runde, von struppigen, weißen Haaren umwucherte Kopf eines alten Mannes. Die Haut seines Gesichtes glich brüchigem Leder und verzog sich in unzählige Runzeln, als er in einem anerkennenden Lachen den zahnlosen Mund öffnete. Seine schwarzen Augen blitzten lebhaft. »Ah, du bist schnell mit dem Schwert, junger Mann«, krähte er und klatschte Beifall. »Doch wenn es dich nicht zu sehr danach gelüstet, mich zu erschlagen, so lass mich leben, denn ich bin kein Räuber und habe nicht vor, dir etwas zuleide zu tun. Aber wenn du unbedingt dein schnelles Schwert mit meinem Leib bekanntmachen willst, dann versprich mir, an meinem Grab ebenso schön und traurig die Ne zu spielen, wie du es gerade getan hast. Es bringt selbst die Bären und Wölfe des Waldes zum Weinen.«
Rah ließ das Schwert in die Scheide gleiten. »Warum lauerst du mir am Weg auf, alter Mann?«, fragte er mit gespielter Strenge. »Was tust du alleine in den Wäldern?«
»Ich wohne hier, aber was machst du in den Wäldern, junger Mann mit dem schnellen Schwert. Hast du keine Angst vor den Ponas?«
»Was sollten die Ponas von mir wollen? Ich habe kein Geld und keine Schätze bei mir und es folgt mir keine Karawane.«
»Sie könnten dir dein junges Leben rauben.«
Rah zuckte die Achseln. »Hast du denn keine Angst vor ihnen?«
»Warum denn? Ich bin alt. Mein Leben ist keinen Pfifferling wert. Warum sollten sie es mir also rauben?«, lachte der Alte.
Rah musste mit ihm lachen. »Wer seid Ihr denn?«, fragte er und fiel ganz selbstverständlich in die höfliche Form der Anrede.
»Ich habe meinen Namen längst vergessen. In den Wäldern braucht man nämlich keinen mehr, musst du wissen, aber ich bin sicher, dass du noch einen hast. Willst du ihn mir sagen? Ich höre nicht oft Namen hier.«
»Ich heiße Rah-Seph!«
»Oh, oh, welche Ehre! Ein Spross der berühmten Seph aus Kurteva!« Der Alte kam aus dem Busch hervorgekrochen und machte übertriebene Verbeugungen vor Rah.
»Woher kennt Ihr mich?«
»Ich kenne nicht dich, sondern die Seph. Wer kennt sie nicht in Kurteva, die Schwertarme des Tat-Tsok. Die Augen des Tigers. Ich habe zwar meinen eigenen Namen vergessen, nicht aber den der Seph. Welche Ehre, oh, welche große Ehre.«
Die Worte des Alten schnürten Rahs Kehle zu. Sehnsucht nach Kurteva, nach seinem Vater, nach seiner Schwester, nach seinen Freunden quoll wie bitteres Gift in sein Herz. Lange hatte er nicht mehr daran gedacht, dass er auf ewig verbannt war aus der Stadt der Väter. Er beschwichtigte den Alten mit fahrigen Handbewegungen.
»Und Ihr seid ein Dhan?«, fragte Rah, um ihn abzulenken.
»Ein Dhan? Gut. Ganz wie du willst. Aber was ist ein Dhan? Die Bettler, die Gebete herunterleiern, um ein paar Kupfermünzen zu ergattern, nennen sich Dhans, und so tun es die Wanderprediger, die mit erhobenem Zeigefinger die alten Weiber erschrecken. Bin ich wirklich ein Dhan?«
»Nun gut, ich sehe, Ihr seid ein echter Dhan«, erwiderte Rah schmunzelnd.
»Ein echter?« Der Alte kam heran und streckte Rah den Arm entgegen. »Willst du hineinbeißen, um dich zu überzeugen, ob ich echt bin? Manchmal wüsste ich selbst gerne, ob ich echt bin oder ob ich mich nur träume.«
»Nein«, lachte Rah, »ich glaube es, auch ohne Euch zu beißen.«
»Ihr solltet nicht alles blind glauben. Aber gut. Es wäre mir eine große Ehre, dir ein Lager für die Nacht in meiner bescheidenen Behausung anbieten zu dürfen, Rah-Seph. Ich habe nicht alle Tage solch berühmte Gäste.«
Rah suchte nach einer Ausrede, um die Einladung des Alten höflich abzuschlagen, doch dann spürte er das Verlangen, wieder einmal mit einem Menschen zu sprechen, der nicht verdorben war von der Gier und dem Hass dieser Zeit.
»Es wird mir eine Ehre sein, die Nacht bei einem echten Dhan zu verbringen«, sagte er und neigte den Kopf.
»Nun, dann steige ab von deinem Pferd. Zu meinem Schloss kann man nicht reiten.«

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