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Die Karawanenstraße nach Ütock war lange schon verlassen, seit
die Ponas in den nördlichen Wäldern herrschten. Sie war zu einem
schlechten Pfad verkommen, überwachsen von Gras und Büschen und
oft versperrt von gefallenen Bäumen. Rah kümmerte sich nicht darum.
Wie so oft im vergangenen Jahr, als er ziellos durch die Wälder
gestreift war, ließ er sein Pferd gehen, wohin es wollte. Wie
eine Erlösung schien es ihm, wieder alleine zu sein in der Einsamkeit
des Waldes. Es war, als sei er aus einem Alptraum erwacht. Doch
die Erinnerung an die Reise in die Gebirge zog wie ein Spuk durch
seinen Kopf. Erst jetzt stiegen die wirren Bilder in ihm auf,
jetzt, da die Glocke des Schweigens zerbrochen war und die Angst
der Soldaten, der Hass Hem-Las und die Zerknirschung über den
unwürdigen Frondienst für einen Kaufmann nicht mehr an ihm hingen.
Rah vermochte frei zu atmen, schien einen Augenblick glücklich
über die wiedererlangte Ungebundenheit, doch dann schnürten diese
Bilder, die sich unauslöschlich in seine Erinnerung gebrannt,
von neuem sein Herz zusammen.
Er dachte an Aelan, spürte, dass der Schmerz um den Verlust dieses
Menschen, den er kaum gekannt, doch der seinem Herzen nahe schien
wie ein Bruder, von nicht auszulotender Tiefe war. Er sah das
Gesicht des Handan vor sich, seine dunklen Augen, und es schien
in diesem Moment, als wären sie ihm seit Anbeginn der Zeit vertraut,
als hätte er sie schon tausendmal verloren und tausendmal wiedergefunden
im endlosen Strom des Lebens. Wie eine Klinge schnitt dieser Schmerz
durch sein Inneres. Es war, als spalte er einen Vorhang in zwei
Teile, der sich über einen schwarzen Abgrund spannte. Eine sternlose
Nacht wölbte sich dort, durchzuckt von Blitzen, die Bilder aus
der Dunkelheit lösten, Bruchstücke eines gewaltigen Mosaiks, dessen
Gesamtheit Rah nicht zu überschauen vermochte. Zusammenhanglose
Bildfetzen flogen an seinem inneren Auge vorbei. Er sah Krieger
mit silbernen Dreiecken auf der Stirn. Er sah, im Niederfallen,
wirbelnd um seinen Kopf, den wie Schnee schimmernden Marmor eines
Tempels. Er sah Schwerter auf sich herabzucken, blitzend im Licht,
und zwischen ihnen, in einem innig vertrauten Gesicht, das sich
spannte zu einem ohnmächtigen Schrei des Entsetzens, sah er die
Augen des Handan. Er klammerte sich an sie in bitterer Verzweiflung,
sank in sie hinein in diesem Augenblick des Sterbens und verlor
sie dann, als die Nacht des Todes über ihm zusammenschlug. Rah
war gebannt von diesen Bildsplittern. Er strengte sich an, die
innere Nacht weiter zu durchdringen, doch die Bilder flohen vor
seiner drängenden Neugierde. Stattdessen stieg die Erinnerung
an den Alten im Brüllenden Schwarz in ihm auf, die zu Stein erstarrte
Erscheinung, die ihm Angst und Neugierde zur gleichen Zeit eingeflößt.
Als er das Brüllende Schwarz zum ersten Mal erblickt hatte, den
kreisförmigen Talkessel, den Wasserfall und die steinerne, schwarze
Nadel inmitten der tosenden Gischt, hatte er für einen Augenblick
geglaubt, diesen verborgenen Ort zu kennen. Rah verlor sich im
Strom der Gedanken. Der Wunsch regte sich in ihm, in die Gebirge
zurückzureiten, um in das Tal vorzudringen, nach dem Alten zu
suchen und nach den letzten Spuren von Aelan. Vielleicht war er
nicht tot. Vielleicht hatte ihn die Magie der Berge auferweckt
von den Toten. Rah sah den Handan noch einmal fallen, sah den
Pfeil in den Rücken dringen und sah das in Hass und Triumph verzerrte
Gesicht des Gurena, das sich jäh zu namenlosem Entsetzen wandelte,
als die Klinge der Seph auf ihn herabfuhr. Resignation breitete
sich aus in Rah. Niemand vermochte einen solchen Schuss zu überleben.
Der Gurena aus Kurteva zog seine Ne-Flöte hervor und begann zu
spielen. Trauer schwang in den Tönen der Ne, die zwischen den
Bäumen widerhallten. Es war Rah gleichgültig in diesem Augenblick,
ob er mit ihnen die wilden Tiere anlockte oder die Räuber, die
Hem-La zu seinem Verderben herbeigewünscht.
»Warum so traurig, junger Krieger?«, sagte plötzlich eine krächzende
Stimme.
Rah fuhr herum und ließ das Schwert der Seph aus der Scheide fahren.
Blitzschnell war diese Bewegung, die Rah kampfbereit machte, und
doch wurde ihm schmerzlich bewusst, dass das Ka ihn verlassen
hatte, denn er hatte die Gegenwart eines Fremden an seinem Weg
nicht erspürt. Ein Pfeil aus dem Hinterhalt hätte ihn erlegt wie
ein wehrloses Tier.
Aus dem dichten Unterholz neben dem Saumpfad ragte der runde,
von struppigen, weißen Haaren umwucherte Kopf eines alten Mannes.
Die Haut seines Gesichtes glich brüchigem Leder und verzog sich
in unzählige Runzeln, als er in einem anerkennenden Lachen den
zahnlosen Mund öffnete. Seine schwarzen Augen blitzten lebhaft.
»Ah, du bist schnell mit dem Schwert, junger Mann«, krähte er
und klatschte Beifall. »Doch wenn es dich nicht zu sehr danach
gelüstet, mich zu erschlagen, so lass mich leben, denn ich bin
kein Räuber und habe nicht vor, dir etwas zuleide zu tun. Aber
wenn du unbedingt dein schnelles Schwert mit meinem Leib bekanntmachen
willst, dann versprich mir, an meinem Grab ebenso schön und traurig
die Ne zu spielen, wie du es gerade getan hast. Es bringt selbst
die Bären und Wölfe des Waldes zum Weinen.«
Rah ließ das Schwert in die Scheide gleiten. »Warum lauerst du
mir am Weg auf, alter Mann?«, fragte er mit gespielter Strenge.
»Was tust du alleine in den Wäldern?«
»Ich wohne hier, aber was machst du in den Wäldern, junger Mann
mit dem schnellen Schwert. Hast du keine Angst vor den Ponas?«
»Was sollten die Ponas von mir wollen? Ich habe kein Geld und
keine Schätze bei mir und es folgt mir keine Karawane.«
»Sie könnten dir dein junges Leben rauben.«
Rah zuckte die Achseln. »Hast du denn keine Angst vor ihnen?«
»Warum denn? Ich bin alt. Mein Leben ist keinen Pfifferling wert.
Warum sollten sie es mir also rauben?«, lachte der Alte.
Rah musste mit ihm lachen. »Wer seid Ihr denn?«, fragte er und
fiel ganz selbstverständlich in die höfliche Form der Anrede.
»Ich habe meinen Namen längst vergessen. In den Wäldern braucht
man nämlich keinen mehr, musst du wissen, aber ich bin sicher,
dass du noch einen hast. Willst du ihn mir sagen? Ich höre nicht
oft Namen hier.«
»Ich heiße Rah-Seph!«
»Oh, oh, welche Ehre! Ein Spross der berühmten Seph aus Kurteva!«
Der Alte kam aus dem Busch hervorgekrochen und machte übertriebene
Verbeugungen vor Rah.
»Woher kennt Ihr mich?«
»Ich kenne nicht dich, sondern die Seph. Wer kennt sie nicht in
Kurteva, die Schwertarme des Tat-Tsok. Die Augen des Tigers. Ich
habe zwar meinen eigenen Namen vergessen, nicht aber den der Seph.
Welche Ehre, oh, welche große Ehre.«
Die Worte des Alten schnürten Rahs Kehle zu. Sehnsucht nach Kurteva,
nach seinem Vater, nach seiner Schwester, nach seinen Freunden
quoll wie bitteres Gift in sein Herz. Lange hatte er nicht mehr
daran gedacht, dass er auf ewig verbannt war aus der Stadt der
Väter. Er beschwichtigte den Alten mit fahrigen Handbewegungen.
»Und Ihr seid ein Dhan?«, fragte Rah, um ihn abzulenken.
»Ein Dhan? Gut. Ganz wie du willst. Aber was ist ein Dhan? Die
Bettler, die Gebete herunterleiern, um ein paar Kupfermünzen zu
ergattern, nennen sich Dhans, und so tun es die Wanderprediger,
die mit erhobenem Zeigefinger die alten Weiber erschrecken. Bin
ich wirklich ein Dhan?«
»Nun gut, ich sehe, Ihr seid ein echter Dhan«, erwiderte Rah schmunzelnd.
»Ein echter?« Der Alte kam heran und streckte Rah den Arm entgegen.
»Willst du hineinbeißen, um dich zu überzeugen, ob ich echt bin?
Manchmal wüsste ich selbst gerne, ob ich echt bin oder ob ich
mich nur träume.«
»Nein«, lachte Rah, »ich glaube es, auch ohne Euch zu beißen.«
»Ihr solltet nicht alles blind glauben. Aber gut. Es wäre mir
eine große Ehre, dir ein Lager für die Nacht in meiner bescheidenen
Behausung anbieten zu dürfen, Rah-Seph. Ich habe nicht alle Tage
solch berühmte Gäste.«
Rah suchte nach einer Ausrede, um die Einladung des Alten höflich
abzuschlagen, doch dann spürte er das Verlangen, wieder einmal
mit einem Menschen zu sprechen, der nicht verdorben war von der
Gier und dem Hass dieser Zeit.
»Es wird mir eine Ehre sein, die Nacht bei einem echten Dhan zu
verbringen«, sagte er und neigte den Kopf.
»Nun, dann steige ab von deinem Pferd. Zu meinem Schloss kann
man nicht reiten.«

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